Winnipeg: Chicago des Nordens

Wer in Winnipeg hip sein will, muss im Exchange District wohnen oder zumindest arbeiten. Wegen seiner hohen Dichte historischer Industriearchitektur heißt das Viertel auch „Chicago des Nordens“. Ein Foto-Rundgang.

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Das Kanadische Museum für Menschenrechte an der Grenze zum Exchange District.

Kanadisches Museum für Menschenrechte

Natürlich war ich im Museum für Menschenrechte. Auf einer von Ureinwohnern geführten Tour habe ich erfahren, dass die spektakuläre Architektur nicht nur die Moderne spiegelt, sondern auch auch indianische Weise interpretiert werden kann. Ein absolutes Kontrastprogramm beginnt gleich um die Ecke: der Exchange District.

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Vor über 100 Jahren liefen zwei Dutzend Bahnlinien in Winnipeg zusammen.

Einzigartige Architektur

Südlich des Red River erstreckt sich ein Viertel, das mit seiner hohen Dichte an Industriebauten der Jahrhundertwende einzigartig in Nordamerika ist: Von den 150 Gebäuden des rund 20 Blöcke umfassenden Viertels stammen knapp 120 aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, knapp 50 sogar von vor 1900.

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Manche Häuser wurden schon aufwendig saniert.
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Streetart-Künstler finden viele freie Flächen. 

Getreidebörse des Landes

Das historische Viertel entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als Winnipeg eine der wichtigsten Boomtowns des Landes war: Hier hatte der Grain Exchange seinen Sitz, einst die größte Börse für Getreide des ganzen Landes. Mehr als zwei Dutzend Bahnlinien liefen damals in Winnipeg zusammen, rund 200 Großhändler handelten mit Waren.

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Eine Häuserschlucht zwischen Backsteinbauten.
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Viele Flächen werden als Parkplätze genutzt.

Höfe und Häuserschluchten

1997 wurde der Exchange District zur National Historic Site erklärt – trotzdem schlummerte er noch eine Weile vor sich hin. Ich lasse mich treiben durch enge Gassen mit Kopfsteinpflaster, die an breiten Durchgangsstraßen enden. Ich finde mich in verlassenen Höfen wieder und in Schluchten zwischen Backsteinhäusern.

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Hier hatte eine Sattlerei ihren Sitz.
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Enge Straßen, abweisende Fassaden.

New York oder Chicago?

Rostige Feuerleitern bilden den einzigen Schmuck an den Brandmauern und wecken Assoziationen an New York. Oder besser Chicago: In den Boomzeiten um die Jahrhundertwende kamen viele Architekten aus Chicago zum Üben nach Winnipeg – und einheimische Architekten ließen sich inspirieren.

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Auch die bekannten Namen haben hier geworben.

Ende des Booms

Der Chicago-Stil beeinflusste den Großteil der Architektur bis ins frühe 20. Jahrhundert und prägte den Titel „Chicago des Nordens“. Erst nach Ende des Ersten Weltkriegs verlagerte sich die Bautätigkeit auf andere Viertel – der Exchange District fiel in den Dornröschenschlaf. Zum Glück, denn so blieben die meisten Gebäude erhalten.

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Beliebt zum Wohnen und Arbeiten: Häuser im Exchange District.

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Lofts für Hipster

Noch finde ich viele alte Wandgemälde mit Werbung, riesige Neonreklamen aus den 50ern, düstere Ecken mit Tattoo-Shops und marode Ziegelbauten. Doch immer wieder sehe ich auch die Bagger am Graben, „For Sale“-Schilder hängen an vielen Häusern, dazwischen stehen die ersten Stadtlofts in moderner Einheitsarchitektur.

 

 

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Alt und Neu: Mere Hotel und Cibo Waterfront Café.

_DSC1489Winnipegs Prenzlauer Berg

 

 

Die Statistik zeigt, dass im Exchange District die Single-Dichte höher ist als im Rest der Stadt, ebenso wie das Einkommen und die Zahl der Kreativen: das Viertel ist ein Hipster-Revier. Der Prenzlauer Berg Winnipegs. Manches alte Warenhaus wurde inzwischen durch neue Projekte vor dem Verfall gerettet: Manufakturen, Ateliers, Cafés, Restaurants.

 

 

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Viele Gebäude sind zu verkaufen.
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Restaurant im Industriedenkmal.

Manufakturen – Regional und nachhaltig

In den alten Industriebauten haben sich in den letzten Jahren wieder Designer und Manufakturen angesiedelt, zum Beispiel Commonwealth, die Hemden herstellen: klassisch und schlicht, haltbar und handgearbeitet. Oder Wilder Goods, die Taschen und Rucksäcke produzieren – in Serien von vier bis acht Stück, und so lange getestet, bis sie superrobust sind.

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Die Polizei ist weitergezogen, der Name bleibt.
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Im Exchange-District werden viele Kultur-Events geboten.

Blicke über die Schulter

„Transparenz heißt, dass Ihr sehen dürft, wo und wie unsere Produkte hergestellt werden“, schreibt Andrew von Commonwealth auf seiner Website, wo im Moment alle Hemden ausverkauft sind. Zuschauen geht auch bei Oldhat, einer Ein-Mann-Hutmanufaktur: Designer Nathan produziert Mützen und Hüte ausschließlich mit recycelten Stoffen.

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Feuerleitern und historische Werbung.
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Wohnen wie im Prenzlauer Berg.

Einheimische Künstler

In Winnipeg konzentriert sich auch die Kunstszene der Prärieprovinzen. Und im Exchange District ist die Galeriendichte besonders hoch. Es gibt zum Beispiel die Pulse Gallery mit Arbeiten von Künstlern aus Manitoba – meist ziemlich farbenfroh! Plug In ICA konzentriert sich auf zeitgenössische Kunst mit Bezug zu unserer modernen Gesellschaft.

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Gleich nebenan beginnt das Bankenviertel.

Info: Design Quarter Winnipeg informiert über das Beste aus Kunst und Design, Food und Hotellerie im Exchange District.Weitere infos gibt es bei der Stadt Winnipeg.

Die Recherche zu diesem Beitrag fand mit Unterstützung von Travel Manitoba statt.

 

 


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