Einmal Polarmeer und zurück

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Bizarre Eishügel, von Urwald bedeckte Dünen, Walfänger-Camps der Inuit: Am Mackenzie River habe ich Kanada von seiner wildesten Seite erlebt. Die Tour per Flugzeug und Boot wird nur noch diesen Sommer angeboten.

Ich habe eine Weile gebraucht, um mich an den immerwährenden Sonnenschein des arktischen Sommers zu gewöhnen. Jede Nacht staune ich aufs Neue über das nicht enden wollende perfekte Foto-Licht; muss mich zwingen, irgendwann ins Bett zu gehen, während draußen noch herrlichstes Entdeckerwetter herrscht. Rund 55 Tage dauert die Saison der Mitternachtssonne zwischen Juni und August.

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Die Kirche in Iglu-Form ist das Wahrzeichen von Inuvik.

In dieser Zeit gehe ich auf eine der spannendsten Exkursionen in Kanadas Norden: mit dem Kleinflugzeug von Inuvik in das Örtchen Tuktoyaktuk an die Küste des Nordpolarmeers – und zurück mit dem Motorboot über den Mackenzie River. Unser Pilot heißt Matt und ist so jung, dass nur ein zarter Bartflaum auf seiner Oberlippe schimmert. „Na, ist wohl dein erster Tag“ frozzelt einer aus der Gruppe.

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Tausende von Seen liegen in der Tundra verstreut.

Wir sind eine Stunde in der Luft, ohne eine einzige Siedlung zu sehen. Stattdessen unendliches Grün, nur unterbrochen von Flüssen, Bächen und so vielen Seen, dass ich bald mit dem Zählen aufhöre. „Pingos!“, quäkt plötzlich Matts Stimme durch die Kopfhörer, er zeigt auf merkwürdige Hügel, die wie Napfkuchen aus der sonst flachen Landschaft ragen.

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Manche der Seen wirken wie Flussläufe.

Diese so genannten „Pingos“ sind ein Phänomen des Dauerfrostes: Unterirdische Eiskerne wachsen langsam und heben das Erdreich dabei bis zu 50 Meter in die Höhe. Der größte Pingo der Welt steht in Sibirien, der zweithöchste in der kanadischen Tundra, wo es bis zu 1.400 davon gibt.

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Unsere Gruppe auf dem Gipfel eines Pingo.

Dann landen wir auf dem winzigen Flughafen von Tuktoyaktuk. Die kleine Gemeinde zählt knapp 900 Einwohner, 80 Prozent davon sind Inuit. Es gibt eine Schule, ein Gemeindezentrum, ein Hockey-Stadion, zwei Supermärkte und mehrere einfache Bed & Breakfast. Vor der Küste wird nach Öl und Gas gebohrt. „Aber die meisten von uns sind Jäger und Fischer geblieben“, sagt unser Guide John Steen, selbst ein Nachfahre von Walfängern.

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In Tuktoyaktuk leben überwiegend Inuit.

Erlegte Tiere wurden traditionell im Eiskeller der Gemeinde tief im Permafrost-Boden gelagert. John öffnet die Tür einer kleinen Hütte, aus der intensiver Fischgeruch dringt, dann klettern wir über eine Holzleiter in die Tiefe. Mit jedem Schritt sinkt die Temperatur um ein paar Grad, Eisflocken bedecken die gefrorenen Wände. John leuchtet an die Ecke einer Wand – der Schein fällt durch den Boden, die hier wie Glas wirkt.

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John Steen führt durch den Eiskeller.

Auf dem Grund angekommen, führen dunkle Gänge in alle Richtungen, von denen die Eiskammern der Familien abgehen. Früher haben die Inuit hier ganze Robben und Karibus aufbewahrt. Aber es geht auch eine Nummer kleiner: John erzählt, dass er jeden Sommer rund 50 Wildgänse schießt, die er dann einfriert: „Gänse, Enten, Karibus – wir haben hier ein tolles Jagdrevier“, sagt er.

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Treibholz türmt sich am Strand.

Dann geht es zum Baden im Nordpolarmeer. „Na, wer traut sich?“, fragt John am Strand, an dem sich Treibholz und ganze Baumstämme meterhoch türmen. Eine Inuit-Familie samt Hunden planscht genüsslich im Wasser – im Sand prasselt ein Lagerfeuer zum Aufwärmen. „Vor ein paar Wochen war hier nur Packeis“, sagt John, und sieht zu, wie wir vorsichtig die Zehen ins Wasser tauchen.

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Einige Mutige wagen sich ins Wasser.

Im Winter wird es hier bis zu minus 45 Grad kalt. Alle Waren kommen dann nicht mehr per Schiff, sondern über die Ice Road, die jedes Jahr neu auf dem Wasser angelegt wird. Ab einem Fuß Dicke können selbst schwere Lkw darauf fahren. Doch ab kommenden Herbst wird alles anders, das beschauliche Leben von Tuktoyaktuk hat bald ein Ende: Eine neue Straße wird den Ort an die Zivilisation anbinden.

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Der Winter kann kommen.

Die neue Strecke, eine Verlängerung des Dempster Highway von Inuvik bis hierher, wird die einzige in Nordamerika sein, die bis ans Polarmeer führt. Unsere Tour mit Flugzeug und Boot wird dann leider eingestellt. Stattdessen sollen Wohnmobilreisende nach Tuktoyaktuk gelockt werden. Eine Tankstelle ist in Planung und es sollen neue Hotels und Restaurants entstehen.

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Stabile Nussscale: Jerry Kisouns Boot.

Jerry Kisoun ist unser Bootsführer für den Rückweg, ein breitschultriger Inuit, der uns schon nach wenigen Minuten mit Witzen und Anekdoten in seinen Bann zieht. Mit sicherer Hand steuert er das überdachte Motorboot durch das Mackenzie Delta. Die hölzerne Nussschale schlägt bei jeder Welle hart auf das aufgewühlte Wasser, die Ufer sind nur schemenhaft in der Ferne zu sehen. Bei manchen Wellen purzeln Gegenstände aus den Regalen, später poltert es, als Jerry über einen Baumstamm fährt.

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Jerry Kisoun.

Der rund 1.700 Kilometer lange Mackenzie River bildet mit seinen Zuflüssen das zweitgrößte Flusssystem in Nordamerika. „Kuukpak“, großer Fluss, nennen die Inuit den Strom, der im Great Slave Lake entspringt, sich dann breit und träge mit vielen Verzeigungen durch die menschenleere Tundra wälzt, um schließlich ins Eismeer zu münden.

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Borealer Wald am Mackenzie.

Jerry lässt sich durch den Wind nicht beeindrucken, stoisch plaudert er weiter: von Irrfahrten durch Schneestürme, von seiner Zeit als RCMP-Officer und dem „Ernten“ der Beluga-Wale – der Walfang gehört bis heute zu den Traditionen der Inuit. „Ein Wal“ ruft jemand plötzlich und deutet in die graue Gischt. Doch es war nur eine optische Täuschung – immer wieder wirken einzelne graue Wellen wie die Rücken von Buckelwalen.

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Camp der Walfänger.

Doch dann, nach einer Stunde Folter, werden die Schläge langsam weniger, Jerry steuert in einen seichten Kanal. Holzhütten kommen in Sicht, Zelte und Gerüste: ein Whaling Camp. Zwei Jungs erwarten uns schon am Ufer, um uns das Lager zu zeigen, das ihre Familie jeden Sommer aufschlägt. Aus einem wackligen Verschlag steigt weißer Qualm auf, drinnen hängen über Holzstangen hunderte Saibling-Filets zum Räuchern.

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Saiblinge werden über dem Feuer geräuchert.

Drei bis vier Wale erlege die Familie jeden Sommer, sagt Claire, die Matriarchin des Clans. Sie erinnert sich noch an ihre Kindheit bei den Walfängern: „Wir durften damals nicht am Wasser spielen, um die Belugas mit unserem Krach nicht zu vertreiben.“ Ihr ältester Enkel Roy zeigt uns das Motorboot und die Harpune mit Eisenhaken, mit der sie auf Jagd gehen. Der Familienrat entscheidet, wann der Nachwuchs reif genug für diese Aufgabe ist.

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Marke Eigenbau: Harpune der Inuit.

„Ich war zum ersten Mal im Alter von acht Jahren auf dem Boot“, sagt Roy, „und mit 14 habe ich den ersten Wal selbst erlegt.“ Aus zwei Mann besteht die Besatzung normalerweise: Einer steuert, der andere wirft die Harpune. Ist der Beluga erlegt, wird er an den Strand geschleppt und mindestens acht Stunden lang gekocht. Seine Fettschicht war für die Inuit immer ein Grundnahrungsmittel – und eine Delikatesse.

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Im Lager der Walfänger lebt die ganze Familie.

Dann stoßen die Jäger unser Boot wieder vom Ufer ab und wir folgen dem Lauf des Mackenzie. Zunächst noch mehrere Kilometer voneinander entfernt, rücken die Flussufer langsam zusammen, Hügel und Steilufer werden erkennbar, Sanddünen und dichtes Grün. Die Umwelt ist hier intakt: Rund 80 Prozent des Mackenziebeckens sind von borealen Urwäldern und Feuchtgebieten bedeckt.

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Sonnenaufgang – kurz nach Mitternacht.

„Jetzt! Es ist Mitternacht“, ruft Jerry plötzlich. Ungläubig schauen wir alle auf unsere Uhren. Die Sonne steht knapp über dem Horizont und wirft ein tolles Licht auf die zerzausten Nadelbäume an den Ufern des Mackenzie. Ein Regenbogen spannt sich über den Fluss – Vorbote eines nahenden Gewitters. Kurz darauf legen wir an und klettern auf eine riesige Sanddüne – wir sind vermutlich die einzigen Menschen auf hunderte Kilometer. „In anderthalb Stunden erreichen wir Inuvik“, kündigt Jerry bei der Weiterfahrt an. Alle gucken etwas betreten – die Weite des Landes überrascht immer wieder.

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Blick von der Düne.

Doch die Müdigkeit ist schnell vergessen: Adler kreisen über den Wipfeln, Wildenten flattern hektisch durch die Luft, wie gemeißelt heben sich die Baumwipfel vom tiefblauen Himmel ab, das Wasser vor dem Bug schimmert wie goldenes Öl im Licht der aufgehenden Sonne.

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Kurz vor dem Gewitter.

Infos: Zwei Anbieter haben die Exkursion nach Tuktoyaktuk und zum Mackenzie-Delta im Programm: Tundra North Tours und White Husky Tours. Weitere Infos über NWT unter www.spectacularnwt.de.

Die Recherche zu diesem Beitrag wurde unterstützt von Northwest Territories Tourism.

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„Indian Parking only“: Parkplatz für Groß und Klein in Inuvik.

 

 

 


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