Kulinarik: Bootcamp in der Küche

_dsc9821Manche nennen sie nur die „Kartoffelinsel“, für andere ist Prince Edward Island ein Hotspot für Gourmets. Nicht umsonst hat hier das „Culinary Institute of Canada“ seinen Sitz. Bei einem eintägigen Bootcamp habe ich es getestet.

Die Liebe zum Kochen scheint ältere Ladies und Mittdreißiger mit Hipster-Bärten zu einen: Sie stellen die Mehrheit im Klassenraum des Culinary Institute of Canada. Eigentlich ist das eine der renommiertesten Restaurantfachschulen des Landes. Doch heute stehen Amateure am Herd: Hausfrauen aus der Hauptstadt Charlottetown, Kochfans von der Insel – und einige Besucher aus dem Rest der Welt.

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In Charlottetown wurde der Grundstein der Kanadischen Konföderation gelegt.

„I came, I cooked, I created“, lautet das offizielle Motto des kulinarischen Boot Camps, das in der kleinsten kanadischen Provinz angeboten wird. Es soll ein Tag intensiven Trainings werden in einer voll ausgestatteten Hotelküche, angeleitet von einer professionellen Chefköchin: Ilona Daniel entwirft Menüs für Restaurants, sie berät Hotels, führt einen Catering-Dienst und bloggt über Essen.

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Chefköchin Ilona Daniels leitet das Bootcamp.

Statt Tafel steht im Klassenzimmer eine Einbauküche. In einem großen Spiegel können wir sehen, was auf den Arbeitsflächen alles gemacht wird. Doch zuerst verteilt Ilona Mützen und Kochjacken – die meisten Frauen greifen zu Größe „L“ oder „XL“, die Hipster kommen mit „S“ zurecht. Dann werden Teams gebildet und Rezepte verteilt: Muscheln in Curry-Ahornsirup-Soße, geröstete Möhren in Honigglasur, in Espresso marinierte Steaks, Austern-Kartoffelsuppe und Heilbutt in Salzkruste.

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Schaffen wir das? – Einweisung in die Rezepte.

Hier gibt es kein „ich hab’ da mal was vorbereitet“: Wir müssen erst einkaufen fahren. Ein Schulbus bringt uns zum Riverview Country Market, auf dem Farmer ihre frischen Produkte verkaufen. Ilona hatte uns grob gesagt, was wir brauchen – „Ihr könnt gerne auch spontan noch was dazu aussuchen.“ Wir schwärmen aus und füllen Einkaufskörbe mit frischem Gemüse, Fleisch und Obst.

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Viele Restaurants kaufen im Country Market ein.

Die Auswahl an regionalen Produkten ist groß: Prince Edward Island ist eine Insel der Farmer und Fischer, dank ihrer klimatisch günstigen Lage im Golf von St. Lorenz. Die nur 5.600 Quadratkilometer große Provinz, die meist nur kurz „PEI“ genannt wird, produziert die meisten Kartoffeln in Kanada – daher der Spitzname. Und sie ist berühmt für ihre Muscheln und Austern.

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Viele Zutaten der Küche kommen aus dem Meer.

Nebenbei versuchen wir, unsere Teammitglieder kennenzulernen. Da sind Rob und Scott – Vater und Sohn, die mal was zusammen unternehmen wollen. Dan arbeitet in einer Pizzeria und möchte sein Wissen vertiefen, bevor er auf eine Profischule geht. Claire und Ruth sind vor allem an Soßen interessiert. Und Peter hatte mal einen Kurs von seiner Frau geschenkt bekommen – inzwischen ist er Stammgast.

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Restaurant im historischen Charlottetown.

Nach einer Stunde kennen sich alle besser – die ersten Rezepte sind bereits ausgetauscht. Und es stehen drei randvoll gefüllte Körbe an der Kasse: mit Gemüse und Lamm, eingelegten Pickles, Käse, Eiern, Honig und Marmelade, Kartoffeln und Maiskolben. „Nehmt noch ein paar Pflaumen mit“, ruft Ilona einem Team zu, und greift dabei noch eine Kiste mit frischen Blaubeeren für den Nachtisch.

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Die Großküche ist mit allem ausgerüstet.

Zurück in der Küche, stürzen wir uns auf unsere Aufgaben: Wir säubern Gemüse, putzen Fisch und rollen Teig. Wir marinieren Koteletts, schmelzen Butter, rösten Knoblauch. Nach einer halben Stunde bewegen wir uns schon fast routiniert in der riesigen Hotelküche, als wäre es die eigene. Hier dringt eine Dampfwolke aus einem Herd, dort rösten Maiskolben auf dem Grill, drüben brutzeln Teigtaschen.

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Kleine Teams arbeiten an den Gerichten.

Zwischendurch versammelt Ilona uns zu kleinen Lektionen. Unglaublich, mit welcher Leichtigkeit sie die Salzkruste des Heilbutts aufbricht, die ledrige Haut abzieht und das Fleisch von den Gräten hebt. Die Atmosphäre wird immer entspannter. Rob hat eine Bierquelle entdeckt und schmuggelt Flasche für Flasche für uns in die Küche – trotz der Regel „kein Alkohol am Herd“.

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Einführung in die hohe Kunst: Ilona am Heilbutt.

Am späten Nachmittag sind alle Gerichte fertig, aus den Schüsseln dampft und duftet es. Das gemeinsame Essen bildet den krönenden Abschluss. Mit Ilona diskutieren wir dabei über die Küche des Landes: die hartnäckige Vorliebe der Kanadier für Junk Food einerseits und den Boom von Gourmet-Restaurants auf der anderen Seite – zwei Trends, die sich auch in unserem Menü widerspiegeln.

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Fish & Chips sind nach wie vor beliebt.

„Die Schwäche für Tiefgefrorenes, Tee mit Scones und schwere Desserts haben uns die Briten und Schotten in die Wiege gelegt“, sagt Ilona. „Aber die jüngere Generation sucht nach neuen Reizen für ihre Geschmacksnerven – Wandel braucht seine Zeit.“ Immerhin sind heute beide Gruppen glücklich: Die Damen, die beim Kochen eher „old school“ denken. Und die Hipster, die ein paar originelle Ideen suchen.

 

Infos: Die Culinary Bootcamps machen 2017 Pause und sollen 2018 wieder stattfinden, Infos beim Holland College. Weitere Kochangebote vermittelt Tourism Prince Edward Island. Gewohnt habe ich im The Great George, einem gemütlichen Boutique-Hotel mit Zimmern und Suiten in restaurierten historischen Gebäuden. Zum Essen kann ich das Claddagh Oyster House empfehlen, wo man die verschiedenen Austernsorten der Insel miteinander vergleichen kann.

Die Recherche zu diesem Beitrag wurde unterstützt von Tourism Prince Edward

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Maritime Deko im Herzen der Insel.

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