Berge, Bären, Büffel

Stoney Indianerreservat, Alberta, Kanada

In Alberta liegt der „Wilde Westen“ Kanadas. Indianer und Cowboys betrachten die Prärien als ihre Heimat. Eine Reise auf dem Cowboy Trail von Calgary nach Head-Smashed-in-buffalo Jump und in den Waterton Lakes National Park.

Hinter mir poltert es. Äste knacken und Büsche wackeln, dann rollt ein braunes Knäuel die Böschung zum See runter. Mit einem dumpfen Schlag landet die Kugel am Kiesstrand. Eine Sekunde herrscht Stille, dann kommen pelzige Arme und Beine zum Vorschein. Behutsam hebt der kleine Schwarzbär den Kopf und sondiert die Lage: kein Mensch zu sehen! Ich stehe weit weg, die Bärenmama offenbar leider auch.

Dass ein Bärenjunges ohne Mutter Gefahr bedeutet, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Trotzdem wiedeholen es die Ranger im Waterton Lakes Nationalpark gebetsmühlenartig: „Ein Bärenjunges ohne Mutter bedeutet Gefahr. Wenn Ihr zwischen die getrennten Tiere geratet, könnte jemand echt wütend werden.“ Doch bevor ich mir Gedanken machen muss, kommt die Bärenmutter schon brummelnd durchs Gebüsch getrabt und holt ihren Nachwuchs ein.

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Im Spätsommer und Herbst kann man im Nationalpark leicht einmal auf einen Schwarzbären oder Grizzly stoßen. Um sich ihren Winterspeck anzufressen, wagen sich die Tiere auch an die Straßenränder, wenn dort Saskatoon-Beeren in den Büschen hängen. „Wir flitzen dann wie Pingpong-Bälle zwischen den haltenden Autos hin und her, damit die Leute in ihrer Begeisterung nicht aussteigen“, hat der Ranger gestöhnt.

„Visitor Experience Manager“ lautet der Titel von Locke Marshall. Er zeigt Besuchern mit seinem Team Naturschönheiten wie den kupferrot gefärbten Red Rock Canyon. Oder versteckt liegende Wiesen, auf denen Wapitihirsche in den Herbstmonaten mit ihrem Brunftgeschrei wetteifern – schrille, quietschende Klänge.

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Schon 1895 wurde dieses Land unter Schutz gestellt. Später folgte die Ernennung zum grenzüberschreitenden „Peace Park“ und die Aufnahme in die Liste des Weltnaturerbes der UNESCO. Hier beginnt auch der Cowboy-Trail, eine Panoramastraße, die 700 Kilometer bis in die Provinzhauptstadt Edmonton führt – auf den Spuren der Rancher und Indianer.

„Wir sind zwar der kleinste Nationalpark Kanadas. Trotzdem wachsen hier so viele Pflanzenarten wie in keinem anderen Park in den Rockys“, hat mir Marshall erklärt. Der Ranger mag die Herbstzeit besonders, wenn der Indian Summer die Landschaft mit seinem Farbspiel überzieht: Golden leuchten die Blätter der Zitterespen, orange die Nadeln der Felsengebirgs-Lärchen. Dazwischen schimmert die Rinde einer weißstämmigen Kiefer oder ein feuerrot entflammter Busch.

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Am Fuße der Waterton-Berge grasen Bisons. Im 19. Jahrhundert mussten die Büffel noch fürchten, von Indianern erlegt zu werden. Fast 6.000 Jahre lang jagten die Ureinwohner beim „Head Smashed in Buffalo Jump“ im Norden von Waterton, einer schroffen Klippe im Grasland. Jeden Sommer lockten die Blackfoot-Indianer Büffelherden über den Felsen in den Abgrund. Eine zwölf Meter hohe Knochenschicht am Fuß der Felswand zeugt noch von der Tradition.

Vor der Jagd holten sich die Krieger Kraft in religiösen Zeremonien und in der Schwitzhütte“, erklärt mir Trevor. Der Blackfoot-Indianer hat sich als Künstler intensiv mit der Vergangenheit seines Volkes beschäftigt. Mit Pathos in der Stimme verdeutlicht er die Bedeutung von Head Smashed: „Wir Prärieindianer haben keine Geschichtsbücher. Nur durch Funde wie hier lässt sich unsere reiche Kultur dokumentieren.“

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Meist pfeift ein Sturmwind über das Kliff von Head Smashed, dröhnt in den Ohren. „Schließe einmal die Augen“, fordert Trevor mich auf. „Lasse Deiner Fantasie freien Lauf!“ Szenen aus ferner Vergangenheit steigen auf: Hunderte von Büffeln, donnernde Hufe, bebender Untergrund. Indianer springen hinter Büschen auf, kräftige Männer in Leder, sie schreien, wedeln mit den Armen. Nur ein enger Korridor bleibt den Tieren zur Flucht. Blind folgen die Bisons ihrem Leitbullen. Dann der Abgrund, der Sturz in die Tiefe, unten warten Männer, die den Todesstoß versetzen. Kein Tier durfte lebend entkommen, sonst hätte es nach Überzeugung der Blackfoot alle anderen gewarnt.

Rund 50 Millionen Büffel sollen im nordamerikanischen Westen gelebt haben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Weißen sie nahezu ausgerottet, das Ende der traditionellen Lebensweise der Indianer war damit besiegelt. Prärien verwandelten sich in Weideland, Ranches machten Zeltcamps den Platz streitig.

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Je weiter man auf dem Cowboy-Trail nach Norden fährt, desto mehr fühlt man sich an Szenen aus Western erinnert: Clint Eastwood in „Erbarmungslos“, die Cowboys aus „Brokeback Mountain“ oder Brad Pitt als Jesse James, melancholisch im hohen Gras sinnierend – alle diese Streifen wurden in den Weiten Albertas gedreht.

Hollywood liebt diese Region nicht nur wegen der geringen Produktionskosten: „Hier wird die Landschaft zum Hauptdarsteller“, werben die Location Scouts: Hölzerne Farmhäuser, wacklige Blockhütten und ochsenblutfarbene Scheunen säumen die Flussufer, auf den Weiden grasen Rinder und Pferde. Dazwischen erstrecken sich dichte Wälder und endloses Grasland bis an den Fuß der Rocky Mountains.

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Der Highway führt durch verschlafene kleine Orte, in denen auch ohne Dreharbeiten Cowboys eine Hauptrolle spielen. Typen wie Gerry, der aussieht, als wäre er in Schlangenlederstiefeln und breitrandigem Hut geboren worden. Gerry will Greenhorns die Grundlagen des Cowboy-Jobs vermitteln. Unbeholfen stehen wir vor der ersten Reitstunde in der „Arena“, dem staubigen Reitplatz der Ranch. Die Farmhunde kennen das schon, gelangweilt blinzeln sie in die Sonne.

Gerry treibt uns erst einmal Unarten aus: das hilflose Zerren am Zügel, das Tätscheln des Pferdehalses, auch hektische Bewegungen will er nicht sehen. Frauen seien lernfähiger, meint der schnauzbärtige Cowboy: „Männer haben dieses riesige Ego, sie wollen das Pferd beherrschen.“ Gerry scheint sein Reittier mit dem bloßen Willen zu lenken. Erst nach einer Weile bemerkt man die winzigen Nuancen in seiner Haltung, die sanften Bewegungen der Fingerspitzen, mit denen er dirigiert. Nennt man ihn einen Pferdeflüsterer, grinst er nur, doch genau darum geht es: „Das ist wie beim Tanzen“, sagt er. „Ihr führt dabei, aber nie mit Gewalt.“

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Abends liegen wir auf einem Kuhfell vor dem prasselnden Kaminfeuer, die Bäuche vollgeschlagen mit Bohnen und Steaks. Gerry erzählt vom Ranchalltag, von Zeiten, als Cowboys monatelang auf den Weiden blieben, tagein, tagaus Vieh trieben und Brandzeichen aufdrückten. In ihrer Freizeit testeten sie aus, wer besser reiten kann – wie Jungs eben sind.

Heute gibt es Profis, die nichts anderes machen, Männer, die als moderne Nomaden von Rodeo zu Rodeo reisen. Fast jeder kleine Ort feiert regelmäßig ein solches Event, die Saison endet erst im November, wenn sich die Cowboys zum letzten Mal im Jahr beim Canadian Finals Rodeo in Edmonton miteinander messen. Das angeblich größte Freiluftereignis dieser Art findet jedoch schon im Juli in Calgary statt.

Alberta, Kanada: Wolkenkratzer in Calgary

Ohne einen weißen Cowboyhut traut sich in den zehn Tagen der „Calgary Stampede“ kaum jemand auf die Straße der ausgedehnten Metropole: Manager, Hausfrauen und Büroangestellte holen dann Hüte und Boots aus dem Schrank und wecken den Cowboy und das Cowgirl in sich. Friedliche Beamte werden zu heißblütigen Kerlen, die mit Platzpatronen um sich schießen.

Bankangestellte, die sonst mit den Börsenkursen fiebern, feuern mit wilden Schreien die Planwagen an, die bei halsbrecherischen Rennen durch den Staub der Arena fegen. Anstelle von Limousinen schieben sich Indianerparaden durch die Häuserschluchten, die Ureinwohner zeremoniell in Leder und Federschmuck gekleidet. Fast wie einst, als sie durch die Prärien zogen, den wilden Büffeln hinterher.

Die Recherche zu diesem Beitrag fand mit Unterstützung von Travel Alberta statt.


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