Yukon: Wiege der Ozeane

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Einst lockte das Gold in Kanadas subarktischen Nordwesten. Heute ist es allein das Abenteuer. Doch der Geist der alten Zeiten ist in Dawson City und Whitehorse noch lebendig. Ein Gastbeitrag von Carsten Heinke

Ein Honky-Tonk-Piano klimpert. Rotes Licht und rote Röcke. Can-Can-Girls werfen kreischend ihre langen Beine in die Luft. Die Leute pfeifen, klatschen, trinken, spielen Black Jack oder Poker. Außer, dass nicht mehr gepöbelt, geschossen und geraucht wird, scheint sich im Casino von Diamantenzahn-Gertie in den letzten 100 Jahren nicht allzu viel geändert haben. Der Goldrausch ist vorbei. Der Goldrausch lebt. Welcome to Dawson City!

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Ein paar Klümpchen des gelben Metalls, das Indianer 1896 beim Fischen im goldreichen Mündungsgebiet des Klondike fanden, lösten Massenhysterien und menschliche Lawinen aus. Mehr als hunderttausend kamen, um ihr Glück zu machen. Dem Gold, das man hier tatsächlich tonnenweise fand, verdankt nicht nur das beschauliche Dawson seine Existenz. Auch das Yukon Territory selbst und die Grenze zu Alaska würde es wohl „ohne“ so nicht geben.

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Im Bombay Peggy’s spielt noch eine Band. An der Bar steht Alfred. Er verrät uns, dass er seine Pension mit Schürfen vergoldet. „Das Zeug wird weltweit immer knapper, die Preise steigen. Da lohnt es sich, die alten Claims noch einmal zu durchwühlen“, sagt er und holt zwei dicke Nuggets aus der Tasche, gut 6.000 Dollar wert.

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Am nächsten Morgen stehen wir selbst am Yukon und überzeugen uns davon, wie mühselig das Geschäft ist. Immer wieder muss die blecherne Pfanne mit Flusssediment und Wasser gedreht und geschüttelt werden, um eventuell enthaltenes Gold herauszuwaschen. Wir haben Erfolg. Fast bei jedem bleiben ein paar funkelnde Krümel übrig. Oder war der grobe Sand etwa extra präpariert?
Wirtschaftlich spielt Gold noch immer eine wichtige Rolle im Klondike-Gebiet. Rund 1,5 Tonnen pro Jahr baut man industriell ab. Doch die meisten im Yukon leben vom Fremdenverkehr.

Über hölzerne Fußwege laufen wir vorbei an bunten Westernstadt-Fassaden zu Jack Londons Hütte. Der wohl berühmteste Gast der Stadt fand zwar kein Gold, wohl aber Ruhm durch seine Bücher. Wie einst die Goldsucher kommen auch heutige Abenteurer auf dem Wasserweg nach Dawson. Rund zwei Wochen dauert die Kanutour auf dem Yukon von Whitehorse. Per Jeep auf dem Klondike Highway sind wir in knapp acht Stunden dort – und sehen sowohl Grizzlybären als auch Elche.

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Whitehorse ist mit 26.000 Einwohnern größter Ort und Hauptstadt des Territoriums, das Deutschlands Fläche anderthalbmal fasst. Wie schon beim Goldrausch dient es als „Basislager“. Sammelten sich hier damals Glücksritter aus aller Welt, um per Boot, Schiff, Kutsche oder Schlitten zu den Claims zu fahren, kommen nun Touristen mit dem Flugzeug. Statt Gold suchen sie allein das Abenteuer – per Kajak, Jeep, zu Pferde oder auch zu Fuß.

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Wer die Kälte nicht scheut, genießt im Winter die verschneite Weite in Hundeschlitten oder Schneemobil. Und wer einige tausend Höhenmeter überwindet, kann jederzeit in den Genuss kommen, Eis zu sehen. Das Kluane Icefield im Yukon ist nach dem Bagley Icefield im benachbarten Alaska das weltgrößte zusammenhängende Eisfeld außerhalb der Pole. Allein der bis zu 1.000 Meter dicke Kaskawulsh-Gletscher bedeckt eine Fläche, die größer als ganz Sachsen-Anhalt ist.

Von Whitehorse ist es nur ein Bärensprung bis nach Haines Junction. Als ungeübte Bergsteiger entscheiden wir uns, den Kluane Nationalpark mit einer Cessna zu erkunden. Ob es wirklich die bequemere und sicherere Variante ist, bezweifeln wir, als die kleine Propeller-Maschine mit uns emporwackelt. Dem gefühlten Alter nach könnte sie den Goldrausch miterlebt haben.

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Doch Übelkeit und Skepsis sind bald von der erhabenen Schönheit der Eliaskette überwältigt. Schneebedeckt und eisumflossen, türmen sich ihre Spitzen um uns auf – bekrönt von Mount Logan, dem mit fast 6.000 Meter höchsten Berg Kanadas. Gefühle von Grenzenlosigkeit, unendlicher Kraft und Ewigkeit mischen sich mit dem Wissen um die Verletzbarkeit dieses mächtigen, doch so empfindlichen Ökosystems.

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Als „Wiege der Ozeane“ versorgt das Kluane Eisfeld über ein weit verzweigtes Flussnetz sowohl das Beringmeer im Norden als auch den Pazifik im Osten mit seinem Schmelzwasser – leider mit immer größeren Mengen. Wie gewaltige Straßen ziehen die grauen bis blau-weißen Ströme der Gletscher ihre Bahn zwischen den Gipfeln. Wer weiß, wie lange noch.

Carsten Heinke (Leipzig & Lettland) reist, schreibt und fotografiert für Print- und Onlinemedien in Deutschland, Lettland und Österreich. Das Yukon Territorium ist seine Lieblingsecke in Kanada.
Website: www.diereisejournalisten.de/carsten-heinke
Facebook: Mobile Reisegeschichten-Werkstatt
Instagram: carsten_heinke

Die Recherche zu diesem Beitrag fand mit Unterstützung von Travel Yukon statt.

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