Ein Tag in einer Hutterer-Kolonie

Frauen beim Beerenpflücken.

Die Hutterer gelten als eine der ungewöhnlichsten Volksgruppen in Kanada: Sie legen die Bibel wörtlich aus, setzen aber gleichzeitig auf modernste Technik.
24 Stunden habe ich in der Kolonie von Clear Springs verbracht.

Wo sind die Hutterer? „Wenn ihr auf der Schotterpiste immer geradeaus fahrt, landet ihr direkt bei uns auf dem Hof“, hatte Mike Wurz am Telefon gesagt, der Manager der Clear Springs Hutterite Colony. Doch jetzt stehen wir zwischen einer Schweinemastanlage, Ackergerät und silbern glänzenden Silos, kein Mensch weit und breit in Sicht.

Erst auf den zweiten Blick sehen wir die Wohnanlage inmitten des Farmbetriebs: zwei Reihen identischer Häuser, jedes mit Wäschespinne vor der Tür und akkurat gestutztem Rasen. „Alles selbst gebaut“, sagt Mike, als wir ihm schließlich in seinem Haus gegenüber sitzen. Ein kahler Raum, keine Bilder, keine Teppiche, kein Nippes.

Frauen bei der Arbeit.

In einem schwer verständlichen deutschen Dialekt hatte uns Mike begrüßt, um dann gleich ins Englische zu wechseln – die Täuferbewegung der Hutterer stammt aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz. Seit dem 16. Jahrhundert quer über den Kontinent verfolgt, landete sie schließlich in den USA und Kanada.

Bis heute leben die Hutterer in Gütergemeinschaft: Alle arbeiten für das Kollektiv, jede Familie bekommt ein komplett ausgestattetes Haus und alles, was sie zum Leben braucht – plus ein kleines Taschengeld. Alle essen gemeinsam in einem großen Speisesaal, Urlaub ist kein Thema, Fernsehen, Radio und Internet sind tabu.

Speisesaal der Hutterer.

Mike, ein groß gewachsener Mann mit grauem Backenbart, setzt sich einen Hut auf und führt uns über das Gelände: Die rund 120 Mitglieder bauen Weizen, Raps, Linsen und Gerste an, haben Milchkühe und eine Hühnerfarm, züchten Gänse und Schweine. Es gibt eine Tischlerei, Kläranlage, Feuerwehr, Kraftwerk.

In der Fahrzeughalle steht der neueste Mähdrescher, computergesteuert und klimatisiert: „Wir haben fünf davon bestellt, jeder zu einer halben Million Dollar“. Die Hutterer setzen auf modernste Technik. Mit großem Erfolg, ihre Kolonien wachsen, bis sie bereit sind für den „Split“, bei dem sie sich teilen und Schwestergemeinden gründen.

Mike Wurz.

Die Farm wirkt wie ausgestorben, nur hin und wieder huschen ein oder zwei Frauen in dunkelblauen Kleidern und gepunkteten Kopftüchern vorbei. Die Kleiderordnung verpflichtet sie, den Kopf zu bedecken – so steht es in der Bibel. „Und die verheirateten Männer müssen Bart tragen“, erklärt Mike. „Von wem diese Regel stammt, weiß ich nicht.“

Wir werfen einen Blick in die Schule: leere, makellos saubere Räume. Kein Spielzeug auf dem Boden, kein Kinderbild an der Wand – nur eine Uhr in jedem Raum. Morgens um halb acht beginnt der Tag hier für die Kinder mit Bibelunterricht auf Deutsch, dann übernimmt die staatliche Englischlehrerin.

Feierabend in der Kolonie.

„Unser Gesetz lautet, dass die Schulzeit nach der achten Klasse endet“, sagt Mike. „Wir brauchen keine Uni – es gibt genug Arbeit für alle.“ Wer trotzdem studieren möchte, muss die Kolonie verlassen. Die 15-jährigen Schulabgänger bekommen einen Arbeitsplatz zugewiesen – je nachdem, in welchem Bereich gerade jemand fehlt.

Wir stoppen an der Kirche; auch sie ein schlichter Raum – mit Uhr an der Wand. Zwei Seelsorger halten hier jeden Abend und am Sonntag die Messe. Hier werden auch alle wichtigen Entscheidungen getroffen. Die sieben „Ältesten“ der Kolonie machen einen Vorschlag, stimmberechtigt sind alle getauften Männer.

Dann hören wir Lachen und Kichern: Die jungen Frauen pflücken gerade reife Saskatoon-Beeren, große Eimer sind schon mit den saftigen roten Früchten gefüllt. „Greift zu“, ruft der Gärtner uns zu. Schüchtern drehen die Frauen ihre Köpfe weg oder flüchten vor uns auf die andere Seite der Büsche.

Frisch geernet: saskatoon-Beeren.

Am nächsten Morgen verlassen wir Clear Springs wieder. Sprechen noch lange über die vergangenen 24 Stunden. Besucher aus der „Outside world“ betrachten die Hutterer oft mit Befremden. „Wenn du hier nicht reingeboren bist, schaffst du es nicht“, hatte uns Mike gesagt. Rund 70 Prozent der jungen Männer verlassen die Kolonie – nach ein paar wilden Jahren kehren viele von ihnen jedoch zurück. Die meisten Frauen bleiben.

Info: Die Hutterer haben sich schon früh in drei Gruppen unterteilt, mit Unterschieden in der Strenge der Bibelauslegung. Clear Springs gehört zu den „Lehrerleut“, die als besonders streng gelten.

Buchtipp: „Das vergessene Volk“ heißt ein Buch von Michael Holzach über die Hutterer. Der Autor verbrachte ein Jahr in einer Kolonie. Das Buch ist jedoch nur noch antiquarisch erhältlich.

Die Recherche zu diesem Beitrag fand mit Unterstützung von Tourism Saskatchewan statt.


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